Vater des Vaterlandes – George Washington

Am 14. Dezember 1799 starb der erste Präsident der USA

Vater des Vaterlandes - George WashingtonZahllose Schulen, eine Reihe von Universitäten, mehrere Verwaltungsdistrikte sowie acht Städte und ein Staat sind nach ihm benannt. Die Denkmäler sind Legion. Sein Antlitz wurde in die berühmte Granitwand der Schwarzen Hügel gemeisselt. Es besteht kein Zweifel: George Washington ist weltweit für die meisten Menschen ein Begriff.
Was steckt aber hinter dem Respekt und dieser Verehrung gegenüber dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika? Worin liegt seine Vorbildlichkeit? George Washington ist früh mit seiner Haltung, seinem Auftreten und Charakter ein Vorbild für die Menschen schlechthin, besonders aber für Politiker und Führungskräfte geworden.

Licht und Schatten einer kurzen Jugend
George Washington wurde am 22. Februar 1732 als Sohn eines wohlhabenden Pflanzers in Virginia geboren. Die Familie beschäftigte aus Afrika eingeführte Sklaven, hielt Pferde und konnte es sich leisten, nach England zu reisen, von wo sie einst vor dessen Diktator Oliver Cromwell hatte flüchten müssen. Sie gehörten der Oberschicht Virginias an, einem selbstbewussten und oft leidenschaftlichen Menschenschlag.
Als George Washington elf Jahre alt war, starb sein Vater Augustine. Der Halbwaise kam in die Obhut seines älteren Stiefbruders Lawrence Washington, der in Hunting Creek einen komfortablen Sitz, Mount Vernon, erbaut hatte.
Der junge George Washington besuchte nur wenige Jahre die Schule, in welcher er vom Kirchendiener schlecht und recht die grundlegendsten Kenntnisse im Schreiben und Rechnen vermittelt bekam. Mit 16 Jahren verliess er die Schule. Sie hatte keinen vorrangigen Platz eingenommen. Auch später hat er nie eine Weiterbildung gemacht. Er war ohne intellektuelle Strebsamkeit. Eine gewisse Neigung zeigte er im Rechnen, beziehungsweise der Mathematik. Er war ein Mensch, der das konkrete Leben schätzte. Besonders interessierten ihn unvermessene und brachliegende Böden. So kam es, dass er dem reichen Grundbesitzer Lord Fairfax seine ausgedehnten Ländereien am Rande des Alleghenygebirges vermessen konnte. Damit ermöglichte der englische Grundherr dem Jugendlichen eine für sein Leben wichtige Erweiterung seines Blickfeldes. In diesen halbwilden Westgebieten wurde dem jungen Menschen bewusst, welche Stossrichtung der angloamerikanische Expansionsdrang hatte. Und es wurde ihm auch bewusst, dass diese Expansion jenseits der bewaldeten Gebirgsketten zum Krieg mit den dort ansässigen Franzosen und ihren verbündeten Indianern führen musste.
Die von George Washington angefertigten Karten und Pläne, bei welchen er durch einen Freund sowie einen älteren Landvermesser unterstützt worden war, erwiesen sich als derart genau, dass er anschliessend zum staatlichen Landvermesser ernannt wurde, einem ebenso hoch bezahlten wie angesehenen Beamten.
Die Ersparnisse benutzte George Washington gezielt für Landkäufe. Damit legte er den Grundstock zu einem so grossen Landbesitz, dass er später der reichste Mann von ganz Virginia wurde.

Erfolge und Misserfolge als Soldat
Die mehrjährige Tätigkeit draussen in der Wildnis, grosse körperliche Anstrengungen und Entbehrungen, aber auch gefährliche Scharmützel mit Franzosen und Indianern werden zur hohen Schule seines Lebens. Da starb am 26. Juli 1752 sein älterer Halbbruder Lawrence, der ihm wie ein Vater war. Lawrence war Major der virginischen Miliz gewesen. Wenn George Washington nun als dessen Nachfolger auserkoren wurde, so entbehrte dieser Entscheid nicht der Sachlichkeit und Angemessenheit. Die Qualifikation war bitter nötig. Die blosse Standeserhöhung hätte nicht ausgereicht. Es drohte der offene Krieg. Frankreich verwehrte den Pflanzern rigoros ihr Vordringen nach Westen.
Der britische Gouverneur, Robert Dinwiddie, war auf den zähen und in jungen Jahren schon erfahrenen George Washington aufmerksam geworden und sandte ihn kurzerhand über die Alleghenyberge zu den französischen Stützpunkten am Ohio River. Der Major sollte ein Protestschreiben überreichen, verhandeln und womöglich die Indianer durch Geschenke für Virginia gewinnen. Das Unternehmen scheiterte völlig. Die Franzosen reagierten mit einer weiteren Sperre. Sie errichteten das Fort Duquesne. Hierauf entschied sich Dinwiddie ohne Rückfrage in London, eine Kampfgruppe unter dem Befehl des 23-jährigen George Washington gegen die Franzosen auszusenden. Der junge Befehlshaber scheint sehr eifrig gehandelt zu haben. Jedenfalls richtete er ein Massaker unter 40 lagernden Franzosen an, baute ein schlechtes Lager auf und liess sich, weil des Französischen unkundig, darauf ein, gegenüber den Franzosen ein Dokument zu unterzeichnen, das ihn in die Nähe eines Mörders stellte.
Ein Sturm der Entrüstung erhob sich nicht nur in Frankreich, sondern auch in den anderen amerikanischen Kolonien, vor allem jenen, welche ohnehin mit Skepsis auf Virginia blickten. Dinwiddie aber liess sich nicht beirren, nahm seinen Major in Schutz und beförderte ihn zum Obersten. Da griff London ein. Auch wenn es nicht direkt eine Reaktion auf Dinwiddies letzten Schritt war, so degradierte es doch alle Offiziere über dem Hauptmannsrang, die nicht ein königliches Patent besassen. Doppelt frustriert als Soldat reichte Washington seinen Rücktritt ein. Er kehrte nach Mount Vernon zurück, das er von seinem verstorbenen Halbbruder hatte übernehmen können.
London ging noch einen Schritt weiter, Es übernahm selbst die Kriegführung. Schon 1755 traf der englische General Edward Braddock mit einem Expeditionskorps ein. Da hielt es Washington nicht mehr auf seinem Gutsbetrieb. Er wollte dabei sein. Er hatte die Kugeln um die Ohren pfeifen gehört. Ihm imponierten die festgefügten europäischen Verbände. Braddock liess den jungen Mann zu sich kommen. Er durfte sich ihm als Gehilfe ohne Rang anschliessen. Der englische General beabsichtigte, gemäss klassischer europäischer Kriegskunst in der amerikanischen Wildnis vorzugehen. Da warnte ihn Washington vor der völlig anderen Situation und Unberechenbarkeit der französisch-indianischen Verbände. Braddock schlug die Warnung in den Wind. Und schon war es zu spät. Er geriet mit seinen Truppen in einen Hinterhalt und wurde aufgerieben. Washington aber feuerte die letzten überlebenden Soldaten ohne jegliche Schonung seiner selbst zum äussersten Widerstand an, harrte stundenlang an der Seite des tödlich getroffenen, sterbenen Generals aus und bezog mit den Resten des Expeditionskorps sichere Auffangstellungen. Die Berichte über seinen heldenhaften Einsatz in der Schlacht machten Washington mit einem Schlag über die Grenzen Virginias hinaus berühmt und angesehen. Dinwiddie ernannte ihn abermals zum Obersten.

Die Einnahme von Yorktown am 17. Oktober 1781. Gemälde von Auguste Couder. In der Mitte der Sieger Washington. Rechts von ihm Rochambeau, der das französische Hilfskorps geführt hatte. Halblinks hinter ihm Lafayette. Bei der Kapitulation von Yorktown geriet ein britisches Korps von 7000 Mann in Gefangenschaft.Geschäftstüchtiger Gutsherr
Nach einer Reihe erfolglos verlaufener Liebschaften wandte sich Ende 1758 George Washington mit 26 Jahren der Witwe Martha Custis-Dandridge zu, die zwei Töchter besass. Er heiratete sie im Jahr darauf. Es war nicht die grosse Liebe. Die Zuneigung zu ihr war mässig. Aber er war entschlossen, ihr ein guter Gatte und den Stiefkindern ein fürsorglicher Vater zu sein. Die Eheschliessung sollte einen Schlussstrich ziehen nach einer Lebenskrise, in welche der junge Offizier durch Verdruss, Krankheit und Furcht vor einem frühen Tod geraten war. In seiner Einsamkeit sehnte er sich nach menschlicher Wärme und Fürsorge. Washington schätzte die neu geordnete Häuslichkeit auf Mount Vernon. Martha scheint von fröhlicher Art gewesen zu sein. Sie tafelte und tanzte gerne, und sie begleitete ihren Gatten nach Williamsburg und Alexandria, wo er mit den Abgeordneten und den Freimaurern tagte. Sie trank gerne Alkohol, wenn auch nicht so unmässig wie Washington selbst. Gleiches verbindet sich gerne mit Gleichem. Geld gesellt sich leicht zu weiterem Geld.
Und so brachte seine Frau diesbezüglich grosse Vermögenswerte in die Ehe ein. George Washington wurde jedenfalls bereits jetzt einer der reichsten Männer in Virginia.
Amerikaner stellen sich gemeinhin Washington vor allem als Soldaten vor. Leicht entgeht einem dabei, dass er aber jetzt für rund 18 Jahre beim friedlichen Metier eines Pflanzers blieb.
England verbot aus Angst vor Indianerkriegen vorerst das Vordringen in die westlichen Gebiete. War früher Frankreich ein Hindernis für die Kolonien, so stellte sich jetzt das Mutterland als solches quer. Zudem versuchte die britische Regierung einen Teil der Kosten des siebenjährigen Krieges durch neue Steuern in den Kolonien wieder hereinzuholen. So verschlechterte sich das Verhältnis zwischen England und den Kolonien kontinuierlich.
Washington war kein Rebell. Und wenn sich auch die Haltung der Kolonien mit den materiellen Interessen Washingtons gut deckte, so kann man in ihm doch einen klassischen Liberalen entdecken, wie er auch auf dem alten Kontinent sich typisch zeigte. Es waren Aristokraten, die sich für das Neue, die Menschenrechte und die modernen Staatstheorien einsetzten, weil sie glaubten, kraft ihrer Position und dank ihren Fähigkeiten mehr als andere für den Staat in einem solchen Fortschrittssinn leisten zu müssen. Und so stellte sich George Washington auch immer wieder sehr selbstlos für den Dienst an der Allgemeinheit zur Verfügung. Er war kein grosser Rhetoriker. Aber auf ihm ruhte der Glanz virginischen Kriegsruhms. Und so wurde er 1774 von Virginia zum Ersten Kontinentalkongress nach Philadelphia entsandt. Bereits war es wegen der unerträglichen Steuergesetze zu Unruhen gegen England gekommen. In Boston hatte am 16. Dezember 1773 der berühmte Überfall auf ein englisches Teeschiff stattgefunden. In Massachusetts war der Kampf offen ausgebrochen. Die Abgeordneten der Kolonien traten am 10. Mai 1775 zum Zweiten Kontinentalkongress zusammen. Georges Washington wurde zum gemeinsamen Oberkommandierenden gewählt.

Oberkommandierender in der Amerikanischen Revolution
George Washington hat nie eine militärische Ausbildung erhalten. Überblickt man die grosse Verantwortung und die schwere Last dieses Oberkommandos, so hätte vielleicht mancher professionelle Feldherr den Posten nie angetreten oder ihn wieder aufgegeben.
Der Zustrom der Einwanderer hatte die Ideen der Menschenrechte und staatsbürgerlichen Freiheiten, wie sie J.J. Rousseau und John Locke verkündeten, in die neue Welt gebracht. An den Abgeordneten und George Washington vorbei stachelte Thomas Paine, ein revolutionärer Publizist und feuriger Demagoge, die Massen derart auf, dass die Politik gegen England eine neue Dimension mit grosser Sprengkraft erreichte. Am 4. Juli 1776 wurde die von Jefferson entworfene Unabhängigkeitserklärung gutgeheissen und George Washington übermittelt. Damit begann sich der Krieg zu einer mehrdimensionalen und äusserst komplexen Auseinandersetzung zu entwickeln. Für den Oberbefehlshaber schien es zeitweilig fast unmöglich, die Truppen dieser eigenständigen Kolonien zu koordinieren, um operative Schwerpunkte zu bilden. Manchmal liefen ganze Regimenter einfach nach Hause.
Aber Washington harrte aus. Mit beispielhaftem Energieaufwand und persönlichem Schneid verhinderte er, dass die Armee zusammenbrach. Wenn jeder verzweifelte, behielt er Zuversicht. Er wurde zur Seele der Amerikanischen Revolution. Dabei sah er sich auch in schwere innere Kämpfe in Armee und Politik verstrickt. Ein undurchschaubares Spinnengewebe von Intrigen überschattete die sonst schon schwere Arbeit Washingtons. Er sollte durch General Gates ersetzt werden. Da retten ihn gute Beziehungen zu den Franzosen. Am 19. Oktober 1781 erringt er mit deren Hilfe einen grossen Sieg bei Yorktown gegen die Engländer. Erneut umrankt Washington der Strahlenkranz eines siegreichen Feldherrn.
Während die Revolution weiterrollt und Adelsprädikate, Privilegien und Standesunterschiede abbaut, wählt man George Washington 1787 in Philadelphia zum Vorsitzenden des Konvents, der die Verfassung der USA verabschiedet. Darauf wird er am 6. April 1789 zum ersten Präsidenten der USA gewählt.

Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Gemälde von John Trumbull (1756 - 1843). Thomas Jefferson überreicht im Namen des mit der Ausarbeitung beauftragten Ausschusses den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung. Rechts neben ihm Benjamin Franklin.Der erste Präsident der USA
George Washingtons Fahrt von Mount Vernon nach New York, der provisorischen Bundeshauptstadt, gleicht einem Triumphzug. Aber man muss bedenken, die neu geschaffenen USA sind ihrem ersten Präsidenten so wenig vertraut wie einst das Heer, dessen Oberkommandierender er geworden war. Er brachte wenig politische Erfahrung mit ins Amt. Erstmals sollten die neuen Theorien der Gewaltenteilung verwirklicht werden.
Der Präsident war jedoch eine prägende Persönlichkeit. Er herrschte, ordnete an und gebot wie ein Fürst, und viele Kongressabgeordnete überlegten, ob man ihn nicht besser König statt Präsident nennen sollte. Auch Washington selbst sann darüber nach. Eigentlich hätte er die Anrede "Seine Majestät, der Präsident der USA" statt nur "Der Präsident der USA" vorgezogen. Er hielt auf Würde und Etikette. Diese Elemente werden für eine Person immer dann von geradezu existenzieller Wichtigkeit, wenn der Erwartungsdruck und die Forderungen an sie stark anschwellen. Und zweifellos lastete ein riesiger Druck auf ihm. Er musste danach trachten, grosse wie kleine Gegenmächte, Einzelindividuen wie Verbände oder Grossmächte, sich vom Leibe halten zu können oder wenigstens in Schach zu halten. Und so wuchs Washington, der schon vorher ziemlich unnahbar wirkte, jetzt erst recht in unerreichbare Würde und Höhe.
Als er am 19. September 1796 seine Abschiedsbotschaft veröffentlichte, leitete ihn nicht nur eine gewisse Bitterkeit über die Schmähungen. Er setzte damit auch ein weiteres wichtiges Präjudiz für eine künftige Selbstbeschränkung der Präsidenten auf zwei Amtszeiten.
Am 4. März 1797 lief seine zweite Amtszeit ab, und John Adams trat die Nachfolge an. Als nochmals ein Krieg mit Frankreich drohte, liess sich der Ex-Präsident erneut zum Oberbefehlshaber ernennen. Zu einem eigentlichen Kriegsausbruch kam es jedoch nicht. Washington musste Mount Vernon nicht mehr verlassen. Aber nach einem anstrengenden Ritt hatte er sich erkältet und starb kurz darauf am 14. Dezember 1799.
George Washingtons Leben ist gekennzeichnet von Erfolgen und Misserfolgen. Seine hervorstechendste Eigenschaft war es, kritische Situationen in stummer Tapferkeit zu meistern. Und mehr als so vielen anderen Kräften verdanken die Vereinigten Staaten von Amerika diesem Mann und seinen Qualitäten ihre Existenz. Deutsche Bauern in Pennsylvanien haben das Schwergewicht dieses Präsidenten früh und in einem zentralen Punkt erkannt: Auf ihrem Kalender würdigten sie den nach langen Kriegsjahren wieder heimgekehrten George Washington über alle Parteigrenzen hinweg als den "Vater des Vaterlandes".

Dr. phil. et lic. iur. Johann Ulrich Schlegel, Zürich,
Schweizer Soldat 4/01