Rote Schweizer

Rote SchweizerDie folgende Episode spielte sich im Jahre 1716 ab: Das nördlich von Paris gelegene St-Denis beherbergte damals in Privatquartieren einige Hundertschaften des Schweizer Garderegimentes. Eines Tages kam es zum Aufruhr; man verlangte die Verlegung der Truppe. Dazu lesen wir aus Paul de Vallières Werk "Treue und Ehre" (Lausanne 1940): "Die Erregung wuchs; der Bürgermeister und die Schöffen wussten nicht, wie sie ihre Leute beruhigen sollten. Des Zankes müde, überreichten einige der Unzufriedenen dem König eine Bittschrift, worin ein zweijähriger Quartierwechsel der Schweizer Kompanien gefordert wurde." Begründung: "Die Mehrzahl der Schweizer Offiziere und Soldaten pflegen mit den Frauen, Witwen oder Töchtern vielfach vertrauten Umgang, heiraten sie, kaufen Häuser und machen Erbschaften." Und weiter hiess es: Die Schweizer seien "alle gross und wohlgewachsen" und daher wie geschaffen, "den Mädchen ihres Quartiers zu gefalle". Im Spiel war also Eifersucht und am "Aufstand" beteiligt nur die männliche Bevölkerung. Bei den Französinnen galten die Schweizer nämlich als "gute Partien". Am Hof zu Versailles wurde die Petition schliesslich abgewiesen; die Gardisten Ludwigs XV. blieben wo sie waren.
Eine Liebschaft in fremden Diensten zum Inhalt hat auch das alte Soldatenlied "Der rot‘ Schwyzer" aus dem Repertoire von Hanns in der Gand: "Ach, Mueter, liebi Mueter, gib du mir einen Rat. Es lauft mir alli Morge en rote Schwyzer nah." Dem Rat der besorgten Mutter jedoch, den "Roten" ziehen zu lassen, will sich die Tochter partout nicht fügen. Da aber kein einziger "Taler" aufzutreiben ist, um dem Geliebten folgen zu können, lässt in der Gand das Mädchen träumen: "Wär ich ein Knab geboren, wollt ziehen in das Feld, wollt folgen Pfeifen und Trommeln, dem Kaiser um sein Geld." Die zum Lied entstandene Illustration zeigt allerdings eher einen königlich-französischen Gardeoffizier der Restaurationsperiode 1815-1830 und weniger einen "Roten Schweizer" Napoleons, so benannt nach der Traditionsfarbe des Waffenrocks.
"Liedermacher" Hanns in der Gand hatte während der Grenzbesetzung 1914-1918 im Auftrag des "Vortragsbureaus im schweizerischen Armeestab" die im Feld stehenden Truppen besucht. Seine Liedersammlung (Zürich 1915/17) trägt den Titel "Das Schwyzerfähnli – Ernste und heitere Kriegs-, Soldaten- und Volkslieder der Schweizer".

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat 5/1999