Invasion vom 6.6.1944

Der Alliierten-lnvasion vom 6. Juni 1944 in der Normandie, dem grössten Landeunternehmen der Geschichte, waren verschiedene Kommandoaktionen vorangegangen. Bekannt ist der spektakuläre britische Raid vom 28. März 1942 gegen den Hafen von Saint-Nazaire; ihm folgte am 19. August die Operation „Jubilee“.
Angriffsziel war diesmal ein etwa 20 Kilometer breiter Abschnitt der französischen Kanalküste, in dessen Zentrum die Hafenstadt Dieppe lag. Das Expeditionskorps umfasste über 6000 Mann: Infanterie und Panzertruppen der kanadischen 2.Division, britische Kommandoeinheiten sowie eine Handvoll US-Rangers und frei-französische Soldaten. Der räumlich und zeitlich begrenzten Aktion waren folgende Ziele gesteckt: Sammeln von Erfahrungen im Hinblick auf eine spätere Grosslandung, Erprobung von Fahrzeugen und Material, Erkundung deutscher Bunkeranlagen und gegen England gerichteter Invasionsvorbereitungen sowie das Einbringen von Gefangenen. Im Raum Dieppe lag die deutsche 302. Infanterie-Division. Der Grund, dass das ehrgeizige Erkundungsunternehmen fehlschlug, ist nicht nur in der angeblich mangelhaften Planung zu suchen. Seinen Anfang nahm das Fiasko, als der anrollende Flottenverband durch Zufall auf einen deutschen Geleitzug stiess. Das sich entwickelnde kurze Seegefecht setzte die Küstensicherung in Alarmbereitshaft, worauf die vor Tagesanbruch an Land gegangenen Vorauskommandos lediglich eine einzige gegnerische Artilleriestellung auszuschalten vermochten. In der Folge lief der Hauptangriff vor Dieppe bereits am Strand fest. Die Landungstruppen erlitten hohe Verluste; da und dort kam es zu Panik. Der britische Offizier und Militärhistoriker Douglas Botting schreibt: „Die nachfolgenden Soldaten waren von Angst und Schrecken wie gelähmt und mussten von Marineoffizieren mit vorgehaltener Pistole zum Anlandgehen gezwungen werden.“ (Die Invasion der Alliierten, Time Life 1981, S. 29). Am späten Nachmittag des 19. August 1942 waren sämtliche Invasionsversuche abgeschlagen. Über Dieppe hatten sich auch heftige Luftkämpfe abgespielt. Von den an Land gegangenen Einheiten konnten nur knapp 1500 Mann evakuiert werden. Deutscherseits beliefen sich die Verluste an Gefallenen und Verwundeten auf etwa 400 Mann.
Im Führerhauptquartier hatte der kanadisch-britische Vorstoss einige Aufregung verursacht.
Wie aus dem Kriegstagebuch des OKW hervor geht, soll Hitler, in der Meinung, es handle sich um die erste Welle einer Grosslandung, den Abzug der motorisierten Elite-lnfanterie-Division „Grossdeutschland“ von der Ostfront ins Auge gefasst haben.

Von Vincenz Oertle, Maur, Schweizer Soldat 3/1998