Eidgenössische Spiessknechte um 1476

Eidgenössische Spiessknechte um 1476

Eidgenössische Spiessknechte um 1476Der Langspiess erfreute sich nach den Appenzellerkriegen bei den Eidgenossen wachsender Beliebtheit. Die Stichwaffe war etwa zwischen 480 und 540 Zentimeter lang. Der Schaft bestand aus dem robusten und flexiblen Holz der Esche und war vorne mit einer mehrkantigen oder auch lindenblattähnlichen Metallspitze bewehrt. Von den Langspiessern wurden grosse körperliche wie psychische Leistungen gefordert. Im wohlgedrillten Kollektiv war es ihre Aufgabe, mit den langen Stichwaffen den Schlachthaufen vor anreitender Kavallerie zu schützen. Bis zu sieben Glieder von Spiessern stiessen das Ende ihrer Stangenwaffen, die Spitze feindwärts geneigt, in den Boden und stellten sich mit dem rechten Fuss darauf. Nach vorne gebeugt, hielten die Spiessknechte ihre Spiesse gliedweise in unterschiedlichen Winkeln ausgerichtet, sodass an der Front zum Gegner eine Art Igel entstand. Nun galt es, dem heranpreschenden Reiterangriff kaltblütig ins Auge zu blicken un den Spiess mit sicherer Hand gerichtet zu halten. Die Spiesse bohrten sich unbarmherzig in die Leiber der gehetzten Pferde, sodass sich unter diesem ungeheuren Aufprall der Holzschaft bog und wand. Die sterbenden Tiere rissen im Fallen die Spiesse mit sich, und nur unter grössten Kraftanstrengungen gelang es den Spiessknechten die wild umherschlagenden Holzenden ihrer Waffen zu bändigen. Zwischen den Spiessen eilten derweil die Schwert- und Axtträger nach vorne, um die zu Boden geangenen Reiter zu töten. Auch zum Kampf gegen Infanterie wurden die Spiesse eingesetzt. In geschlossenen Gliedern stürmten die Knechte mit ihren langen Spiessen schwungvoll in den gegnerischen Heerhaufen und versuchten die Front des Feindes aufzureissen. War der Spiess erst einmal verkeilt, liess der Knecht ihn fallen und griff zu seiner Zweitwaffe, dem Schweizer Dolch oder dem Schwert, um sich am Kampf zu beteiligen.

Keine Einzelkämpfer
Als Einzelkämpfer war der Spiessknecht mit seiner langen Waffe nicht besonders wertvoll. Die Stärke lag im abgestimmten gemeinsamen Einsatz des Spiesserhaufens. Auf dem Marsch war die vibrierende lange Stange auf der Schulter nach einiger Zeit eine ziemliche Last. Oft zogen die Knechte den Spiess auch auf dem Boden hinter sich her.
Unsere beiden Krieger kehren aus dem Burgunderkrieg nach Hause und tragen ihre Langspiesse geschultert mit sich. Der barhäuptige Eidgenosse trägt seinen Helm, eine so genannte Schaller mit hochklappbarem Visier mit dem Kinnriemen, am Unterarm. Ausserdem sehen wir bei ihm über seiner gesteppten Jacke den weit verbreiteten Brustpanzer. Sein Nachbar trägt den flachen Eisenhut und, wie oft praktiziert, den Brustpanzer unter der Leinenjacke. Gerade in kühler Witterung konnte man sich so besser warm halten, denn der über der Kleidung getragene Panzer entzog dem Körper schnell viel Wärme. An seinem Gürtel hängt neben der ledernen Tasche für Kleinutensilien ein Schweizer Dolch als Zweitwaffe. Die Langspiesse werden unsere müden Krieger wohl noch im Zeughaus abgeben, denn eine derart sperrige Waffe konnte daheim kaum fachgerecht gelagert werden.

Roger Remnann, Rost und Grünspan
Schweizer Soldat 3/00