Die Siegesparade

SiegesparadeIn Stalins Tagesbefehl vom 22. Juni 1945 hiess es: „In Würdigung des Sieges über Deutschland im Grossen Vaterländischen Krieg befehle ich, dass am 24. Juni 1945 in Moskau auf dem Roten Platz eine Parade der Truppen der Feldarmee, der Seekriegsflotte und der Moskauer Garnison als Parade des Sieges abzuhalten ist…“
An der Heerschau nahmen von der Feldarmee, einschliesslich der Luftstreitkräfte und stellvertretend für die „Fronten“ (=Heeresgruppen), zehn ad hoc gebildete Regimenter teil. Die Truppenkörper, angeführt von der Generalität, setzten sich aus handverlesenen Mannschaften und Kadern zusammen, mit dabei zahlreiche höchstdekorierte „Helden der Sowjetunion“. Kommandiert wurde die Parade von Marschall Konstantin K. Rokossowski (1896 – 1968), Abnehmender war Marschall Georgij K. Schukow (1896 – 1974), auch er zu Pferd. Der Diktator zeigt sich auf der Estrade des Lenin-Mausoleums, umgeben von ranghohen Parteikadern und Militärs.
Das in höchster Präzision zelebrierte militärische Schauspiel begann um exakt 10 Uhr mit dem Stundenschlag vom Spasski-Tor-Turm des Kreml. Der Himmel war verhangen, und Schukow schrieb in seinen „Erinnerungen und Gedanken“ (Berlin DDR 1987): „Als ich die Truppen abritt, sah ich den Regen in Strömen von den Mützenschirmen rinnen, doch in der allgemeinen Hochstimmung kümmerte sich niemand darum.“ Nach dem Vorbeimarsch wurden erbeutete deutsche Feldzeichen (Bild) am Fuss des Mausoleums niedergeworfen. Formationen der Moskauer Garnision beendeten die zweistündige Parade.
Auch den nur bedingt sowjetfreundlichen polnischen Waffengefährten (vgl. Gosztony, Stalins fremde Heere, Bonn 1991) hatte man mit einer Fahnen- und Generalsdelegation an der Siegesparade teilnehmen lassen. Dies wohl auch zur Verschleierung des Mordes an über 20’000 national-polnischen Offizieren und anderen führenden Persönlichkeiten. Diese waren 1939, bei der Annektion Ostpolens durch die Rote Armee, in die UdSSR verschleppt und im folgenden Frühjahr vom NKWD erschossen worden, so auch bei Katyn, westlich von Smolensk. Zu diesen, den Deutschen untergeschobenen Verbrechen bekannte sich die russische Regierung erst Anfang der 90er-Jahre. Der Fall „Katyn“ stellt ein typisches Beispiel sowjetischer Desinformation dar und wurde auch im Westen eifrig nachgebetet.

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat 10/2000