Die legendäre Internierung war ein purer Glücksfall

Das Bourbaki-Panorama in Luzern zeigt nur die Hälfte: Hinter den Linien war die französische Ostarmee intakt.

Wenn man die letzte Treppenstufe hinter sich hat, findet man sich im tiefsten, eisigsten Winter, obschon draussen der Sommer regiert. Durch das schneebedeckte weite Tal schleppen sich zwei endlose Kolonnen halb verhungerter, durchfrorener, abgerissener Franzosen, klapperdürrer Pferde und überladener Fuhrwerke zur Grenze beim Dorf Les Verrières im schweizerischen Jura. Es sind die Trümmer der französischen Ostarmee im Februar 1871. Ihr Kommandant, General Bourbaki, hatte sich aus Verzweiflung über seine Niederlagen eine Kugel in den Kopf geschossen, freilich so ungeschickt, dass er überlebte. Nun lag er im Lazarett, während sein Stellvertreter General Clinchant dem schweizerischen Oberkommandierenden Herzog die Hand schüttelte und sich von diesem die Bedingungen des Übertritts diktieren liess.

Panorama-Mythos... halb verhungerte Franzosen (Gemälde von A. Bachelin, Kunsthaus Luzern)
Panorama-Mythos… halb verhungerte Franzosen
(Gemälde von A. Bachelin, Kunsthaus Luzern)


So vermittelt es uns das neu restaurierte riesige Rundbild in Luzern, und so steht es in den Schullesebüchern. Panoramen waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode. Sie waren und bleiben Momentaufnahmen wichtiger geschichtlicher Ereignisse. Der aufkommende Film verdrängte sie dann allmählich; er vermochte die Momentaufnahme auszuweiten auf das, was ihr vorausging, und auf das, was ihr folgte. Gerade dies ist hinsichtlich der für die Schweiz legendären Internierung von fast 90 000 Franzosen jedoch nie geschehen. Das ungeschminkte und aller Heroisierung abholde Kolossalgemälde des Genfers Edouard Castres, der als Rotkreuz-Helfer der Bourbaki-Armee zugeteilt und also Augenzeuge war, zeigt nämlich nur zweierlei: Dass es gelang, des gewaltigen Ansturms so vieler Menschen Herr zu werden, und dass die Zivilbevölkerung nicht zögerte, sich der Hilfsbedürftigen anzunehmen. Die dritte Seite, den politischen Hintergrund der damaligen Schweiz, vermag ein noch so eindrückliches Panorama nicht wiederzugeben. Deshalb zeigt es nur die halbe Wahrheit.

Hans HerzogHans Herzog, damals Oberkommandierender der Schweizer Armee, schrieb im Rückblick auf das Ereignis: "Was meine Handlungsweise betrifft, sehe ich nichts Besonderes darin. Es wäre schimpflich gewesen, wenn ich mich vom Hereinbrechen der Bourbakischen Armee hätte erschrecken lassen. Gott hat mir in einer etwas schwierigen Lage den Weg gezeigt, nachdem ich mich in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar an ihn gewandt hatte." Die Lage war jedoch alles andere als "etwas schwierig". Sie war nach menschlichem Ermessen hoffnungslos, und was die Bundesbehörden und der Vorsteher des Militärdepartements dazu beigetragen haben, grenzt ans Unverantwortliche. Am 19. Juli 1870 brach der Krieg zwischen dem Frankreich Napoleons III. und Preussen aus. Die Nachricht traf unser Land nicht überraschend, aber völlig unvorbereitet. Dabei wusste man schon längst, dass Frankreich plante, den Feind über Schweizer Gebiet von Süden anzugreifen. Jenseits des Juras glaubte man eben, dass die Eidgenossenschaft zum Widerstand unfähig sei. Einzig die raschen deutschen Siege liessen diesen Plan unausgeführt; sie schwächten Frankreich bereits derart, dass zur Südumfassung Deutschlands die Kräfte fehlten. Das war der erste Glücksfall, der die Schweiz vor dem Kriege bewahrte.

Zehn Patronen pro Mann
Wie nutzte unser Land diese Atempause? Nach der Besetzung der Grenze vom Pruntruter Zipfel bis Schaffhausen (37 420 Mann mit 66 Geschützen auf 150 km!) glaubten die Bundesbehörden, genug getan zu haben. Herzog versuchte die spärlichen Verbände wenigstens halbwegs kriegstauglich zu machen. Manche Einheiten waren in erbärmlichem Zustand. Viele Truppenkörper bezogen bei der Mobilmachung nur zehn Patronen pro Mann, mit denen auch noch geübt werden sollte. Lediglich hundert Pfund Pulver lagen bereit.

Unter diesen misslichen Umständen war es ein zweiter Glücksfall, dass die Deutschen im Gegensatz zu den Franzosen eine zu hohe Meinung von der schweizerischen Wehrbereitschaft hatten, weshalb sich ihr Generalstabschef Moltke auf das eidgenössische Heer als südlichen Flankenschutz verliess: "Die Eroberung und Niederhaltung der Schweiz würde mehr als 100 000 Mann auf lange Zeit beschäftigen." Sein Respekt gründete sich darauf, dass Herzog einst als Freiwilliger in einer deutschen Artillerieeinheit gedient hatte, weshalb Moltke annahm, die dort gesammelten Erfahrungen hätten sich auf die Schweizer Armee übertragen.

Weil sich die Kämpfe nicht unmittelbar an den Grenzen abspielten, brach in Bern machtvoll der Sparwille durch. Der General und sein Stab wurden beurlaubt, die Truppen fast ganz entlassen. Daraufhin verfasste Herzog einen aufrüttelnden Bericht. Darin nannte er den Zustand vieler Verbände ein "Verbrechen gegenüber dem Vaterland". Auch auf Bundesebene lag manches im Argen: Auf Post- und Telegrafendienst war wenig Verlass, vom mittleren und südlichen Jura gab es keine Landkarten, zwischen Basel und Neuenburg klaffte eine Lücke von rund 80 km ohne Bahn. Gesamthaft gab es bloss 911 Personenwagen; sie waren für Truppentransporte ungeeignet: "Die Türen sind zu eng, um einen Mann mit Sack auf dem Rücken eintreten zu lassen, und die Decke ist so niedrig, dass man nicht aufrecht stehen kann. Keine Heizung." Als Herzog am 31. Januar 1871 in Neuenburg auf den Zug wartete, der ihn dringendst nach Les Verrières bringen sollte, dauerte es fast vier Stunden, bis ein Züglein Richtung Grenze abdampfte; für die 40 km brauchte es mehr als fünf Stunden. Das Militärdepartement berief sich zur Entschuldigung darauf, die Bahnen seien eben Privatbesitz.

Kein Privatbesitz war jedoch dafür verantwortlich, dass jegliche finanziellen Reserven fehlten. Zeitweise hatte der Sold nur noch in englischem Geld ausbezahlt werden können. Viel schlimmer aber war, was sich der damals 45-jährige Bundesrat Emil Welti leistete: Er spielte den Feldherrn vom Schreibtisch aus, besuchte die Truppen nie und schickte unter Umgehung des Generals 3000 Mann in den Pruntruter Zipfel, wo sie im Ernstfall verloren gewesen wären. Deshalb bat Herzog um seine endgültige Entlassung.

Daraufhin ging ein Schrei der Entrüstung durchs Land. In unzähligen Vertrauensadressen beschwor man Herzog, das Oberkommando beizubehalten. Diesem Druck der Öffentlichkeit gab Welti schliesslich nach und bewilligte die Mobilisierung von 8700 Mann mit 24 Geschützen, mit denen Herzog an den gefährdeten Grenzabschnitten im Jura rein rechnerisch gerade alle zehn Meter einen Mann und alle zwei Kilometer eine Kanone hätte postieren können.

Inzwischen wurde Bourbakis Ostarmee von den Deutschen zusehends gegen die Schweizer Grenze gedrängt. Im Bundeshaus wusste man, was die deutsche Heeresleitung zu Beginn des Krieges proklamiert hatte, nämlich dass französische Heeresteile auch auf neutralem Gebiet zu verfolgen und dort zu vernichten seien, falls sie nicht sogleich entwaffnet würden. Damit wäre der Krieg auf die Schweiz übergeschwappt. Als sich die Franzosen einen Tag lang dank einem geglückten Gegenangriff etwas von der Schweizer Grenze entfernten, empfing Herzog umgehend von Welti ein Telegramm, weitere Aufgebote seien jetzt nicht mehr nötig. Doch bald erwies sich die Entlastung der Grenze als Illusion: Der Druck auf die Ostarmee verstärkte sich erneut. Nur mit Mühe gelang es Herzog, die Mobilisierung weiterer Truppen zu erwirken, aber es waren wertvolle Tage verloren, und es würden weitere wertvolle Tage verstreichen, bis diese Verstärkungen greifbar wären.

Am 28. Januar 1871 schlossen die Kriegführenden in Versailles einen Waffenstillstand, doch war die Ostarmee davon ausgenommen. Sogleich befahl Welti, alle Truppen zu entlassen. Dieser verblendeten Zumutung widersetzte sich Herzog rundweg. Völlig auf sich allein gestellt, suchte er zu retten, was noch zu retten war. Den mutmasslichen Hauptübergang von Verrières vermochte er noch rechtzeitig mit einem Bataillon und einer halben Batterie notdürftig zu decken. An drei weitere Einfallstrassen konnte er nicht mehr als je ein paar hundert Mann entsenden. In Auberson etwa standen den dort sich stauenden 20 000 Franzosen ganze 348 Schweizer gegenüber. Wären sie nur eine Viertelstunde später eingetroffen, hätten die Franzosen die bloss von zwei einsamen Posten "bewachte" Grenze überschritten und ihren Weg nach Genf gesucht, um von dort aus zu den französischen Heeresteilen zu stossen, die in Südfrankreich standen. Das hätte unweigerlich das Nachrücken der Deutschen zur Folge gehabt.

Die Bourbaki-Lüge
Damit ist angesprochen, was die Bourbaki-Lüge genannt werden darf: Annähernd die Hälfte der Ostarmee war noch intakt. Bei Auberson wurde ein Offizier des dortigen Luzerner Halbbataillons 66 Ohrenzeuge eines Gesprächs von Reiteroffizieren, die mit ihren noch wohlberittenen Regimentern die spärlichen Entwaffner niedersäbeln wollten und es nur deshalb nicht taten, weil sie glaubten, weiter zurück stünden starke schweizerische Reserven.

Ähnlich verhielt es sich bei Les Verrières: Was zunächst über die Grenze kam, waren tatsächlich die aufgelösten Verbände, die im Panorama zu sehen sind. Nicht sichtbar dagegen sind die ihre Kameraden weiter zurück gegen die Deutschen schützenden Linienregimenter: Marinefüsiliere, Karabiniere zu Pferd, Kürassiere, Elitegendarmen und Mobilgarden, die gut geführt, gut gekleidet, gut genährt und gut bewaffnet waren und die, hätten sie gewusst, dass hinter den hauchdünnen Schweizer Linien nichts, aber auch gar nichts stand, den Durchmarsch durch unser Land ohne weiteres hätten erzwingen können.

So kann man dem Major nachfühlen, der in den Stossseufzer ausbrach: "Glückliche Schweiz, dass dieser Übertritt im Winter bei strenger Kälte und hohem Schnee stattgefunden hat!" Seinem Aufatmen mögen sich all jene angeschlossen haben, die schliesslich 87 847 Mann entwaffneten und mit viel Glück die Lage meisterten, von der Herzog später allzu bescheiden sagte, sie sei "etwas schwierig" gewesen.

Historische Wahrheit: Intakter Artilleriepark, 1871 in Yverdon interniert (Balenegger)
Historische Wahrheit: Intakter Artilleriepark, 1871 in Yverdon interniert (Balenegger)

Bernhard von Arx ist Historiker und Schriftsteller und lebt in Zürich


Weltwoche Nr. 31, 2. August 2001