Der Fallschirm ist kein Regenschirm

Kurzbetrachtung über ein Gerät, das Geschichte schrieb

Leonardo da Vinci war nicht nur Maler und Bildhauer, sondern auch Naturwissenschafter und Ingenieur. Er soll im Jahre 1480 den ersten Fallschirm gezeichnet haben. Die ersten Fallschirmmodelle entwickelte der Franzose Louis Lenormand 1783; den ersten öffentlichen Fallschirmabsprung unternahm ebenfalls der Gallier Gernerin 1797 vom Fesselballon aus, und den ersten Fallschirmabsprung aus dem Flugzeug vollbrachte der Amerikaner Albert Berry 1912. Eine erste Patentschrift (deutscher Herkunft) stammt aus dem Jahre 1908. Der "Erfinder" beschrieb in dieser ein Projekt, das aber unbrauchbar war.
Der frühere Absprung mit dem Fallschirm gehörte zu den kühnsten Taten der Menschheit; ein solcher Springer wurde als Held gefeiert, weil er sich mutig in die Tiefe stürzte. Heute ist das eine "sportliche Disziplin" (Fallschirm springen wurde mit der Einführung der Weltmeisterschaft 1951 zu einem regelrechten Sport), für die das Militär eine rasante Entwicklung einleitete. Schon bald nach der Erfindung der Luftschiffe wurden Fallschirme emporgenommen. Der Schirm hing dabei am äusseren Rand lang herunter und öffnete sich ziemlich schnell.
Schon während des Ersten Weltkrieges fand der Fallschirm eine ausgedehnte praktische Anwendung bei den Beobachtern, die im Fesselballon, der feindlichen Front gegenüber, die Bewegungen des Feindes und die Wirkung der Geschütze beobachteten. Jeder Beobachter war mit einem Fallschirm ausgerüstet, der sich zusammengeschnürt in einem "Päckchen" auf seinem Rücken befand. Wenn dann der Fesselballon durch einen feindlichen Flieger bedroht wurde und die Gefahr bestand, dass er abgeschossen wurde, schwang sich der Beobachter über den Rand des Korbes und stürzte sich in die Tiefe.
Daneben entwickelte sich dann der Absprung aus dem fliegenden Flugzeug. Mit der Zeit ist die Leistung (Sicherheit) der Fallschirme so gesteigert worden, dass das Abspringen aus dem Flugzeug zu einer normalen "Übung" der militärischen Fliegertruppe geworden ist. Man hat dabei sogar ganze bewaffnete Mannschaften (Fallschirmabpringer) mit Maschinengewehren, Munition und sonstigen Ausrüstungen aus beträchtlicher Höhe auf den Erdboden durch Fallschirme heruntergelassen. Und nicht zuletzt: auch die "Fallschirmakrobatik" (das Figurenfliegen) ist eine Attraktion geworden, die vor allem die jüngeren Flugbegeisterten immer mehr in den Bann zieht.
Unter den vielen, sicher interessanten Vorschlägen, die im Laufe der Entwicklung des Fallschirms gemacht wurden, war auch einer darunter, der wie ein Regenschirm aufgespannt bzw. geöffnet werden konnte. Aber diese Fallschirme wurden viel zu schwer und waren deshalb unbrauchbar. Längst ist es also klar, der Fallschirm ist kein Regenschirm!

Schweizer Soldat, 10/1997