Archiv der Kategorie: Geschichte

Die Siegesparade

SiegesparadeIn Stalins Tagesbefehl vom 22. Juni 1945 hiess es: „In Würdigung des Sieges über Deutschland im Grossen Vaterländischen Krieg befehle ich, dass am 24. Juni 1945 in Moskau auf dem Roten Platz eine Parade der Truppen der Feldarmee, der Seekriegsflotte und der Moskauer Garnison als Parade des Sieges abzuhalten ist…“
An der Heerschau nahmen von der Feldarmee, einschliesslich der Luftstreitkräfte und stellvertretend für die „Fronten“ (=Heeresgruppen), zehn ad hoc gebildete Regimenter teil. Die Truppenkörper, angeführt von der Generalität, setzten sich aus handverlesenen Mannschaften und Kadern zusammen, mit dabei zahlreiche höchstdekorierte „Helden der Sowjetunion“. Kommandiert wurde die Parade von Marschall Konstantin K. Rokossowski (1896 – 1968), Abnehmender war Marschall Georgij K. Schukow (1896 – 1974), auch er zu Pferd. Der Diktator zeigt sich auf der Estrade des Lenin-Mausoleums, umgeben von ranghohen Parteikadern und Militärs.
Das in höchster Präzision zelebrierte militärische Schauspiel begann um exakt 10 Uhr mit dem Stundenschlag vom Spasski-Tor-Turm des Kreml. Der Himmel war verhangen, und Schukow schrieb in seinen „Erinnerungen und Gedanken“ (Berlin DDR 1987): „Als ich die Truppen abritt, sah ich den Regen in Strömen von den Mützenschirmen rinnen, doch in der allgemeinen Hochstimmung kümmerte sich niemand darum.“ Nach dem Vorbeimarsch wurden erbeutete deutsche Feldzeichen (Bild) am Fuss des Mausoleums niedergeworfen. Formationen der Moskauer Garnision beendeten die zweistündige Parade.
Auch den nur bedingt sowjetfreundlichen polnischen Waffengefährten (vgl. Gosztony, Stalins fremde Heere, Bonn 1991) hatte man mit einer Fahnen- und Generalsdelegation an der Siegesparade teilnehmen lassen. Dies wohl auch zur Verschleierung des Mordes an über 20’000 national-polnischen Offizieren und anderen führenden Persönlichkeiten. Diese waren 1939, bei der Annektion Ostpolens durch die Rote Armee, in die UdSSR verschleppt und im folgenden Frühjahr vom NKWD erschossen worden, so auch bei Katyn, westlich von Smolensk. Zu diesen, den Deutschen untergeschobenen Verbrechen bekannte sich die russische Regierung erst Anfang der 90er-Jahre. Der Fall „Katyn“ stellt ein typisches Beispiel sowjetischer Desinformation dar und wurde auch im Westen eifrig nachgebetet.

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat 10/2000

Kürassiere

KürassiereIhrer Beweglichkeit, Schnelligkeit und Stosskraft wegen spielte die Reiterei im Zusammenspiel der Waffengattungen noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine nicht zu übersehende Rolle. Die Kavallerie konnte in kurzer Zeit grosse Distanzen bewältigen, in der Tiefe aufklären, überraschend in den Kampf eingreifen, den Gegner verfolgen und auch abgesessen kämpfen. Man unterschied zwischen schwerer und leichter Kavallerie – die schwere (z. B. Kürassiere) war die Schlachtenreiterei, die leichte (z. B. Husaren) diente der Aufklärung oder Sicherung. Die Dragoner und die Ulanen wurden der einen wie der anderen Gattung zugeordnet.
Die Kürassiere waren gepanzerte Reiter und hatten ihren Ursprung bei den Rittern des Spätmittelalters. Zu Gunsten der Beweglichkeit beschränkte sich deren Armierung aber auf den Kürass (französisch: cuirasse = Panzer, Harnisch, ursprünglich Lederpanzer, cuir = Leder). Als Bewaffnung dienten Pallasch (schwere Hieb- und Stichwaffe mit breiter, gerader Klinge), Pistole, Karabiner und zuweilen auch die Lanze. Die Kürassiere attackierten in geschlossener Formation, und noch zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 vermochte die Infanterie der Wucht eines Kürassierangriffs kaum standzuhalten.
Mit der Ausweitung des Feuergefechts verlor die Reiterei aber zusehends an Bedeutung und büsste ihre Rolle als Hauptwaffengattung während des Ersten Weltkrieges noch ganz ein. Auch ausrüstungsmässige Anpassungen an den modernen Krieg hatten diese Entwicklung nicht aufzuhalten vermocht. So hiess es 1882 in Julius Castners „Militär-Lexikon“ (Leipzig): „Den heutigen Feuerwaffen gegenüber erscheint der Kürass nicht mehr zeitgemäss, da er Mann und Pferd erheblich belastet und die Verwendung der Kürassiere zum Sicherungs- und Aufklärungsdienst ausschliesst. In Bayern haben die Kürassiere den Kürass bereits abgelegt, und ist das Gleiche in Preussen wohl nur noch eine Frage der Zeit.“
Die Abbildung zeigt eine Szene aus dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763). Ein Füsilier des königlich-französischen Bernerregiments von Jenner pariert die Attacke eines preussischen Kürassiers.

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat 5/2001

Der Dolch Ord. 1943

Der Dolch Ord. 1943Die humoristische Militärpostkarte zeigt den Offiziersdolch Ord. 1943 und der Grafiker „Naef“ lässt seinen Wehrmann dazu sagen: „Das wäre mein Traum!“. Die Einführung dieser Blankwaffe ist im Bundesarchiv Bern durch ein reichhaltiges Dossier (E 5795, Bd. 507) dokumentiert. Daraus lässt sich folgendes resümieren: Bereits 1925 hatte das Landesmuseum in Zürich „auf der Basis Schweizerdolch/Schweizerdegen“ ein Modell angefertigt. Aktuell wurde die Frage der Einführung einer kurzen Griffwaffe für Offiziere und Höhere Unteroffiziere aber erst zu Beginn des Aktivdienstes 1939 bis 1945, als die Säbel bzw. die Degen ihren Kampfwert endgültig eingebüsst hatten.
Ab Frühjahr 1941 kamen verschiedene Versuchstypen zur Evaluation. Als Testpersonen dienten Offiziere aller Waffengattungen, einschliesslich General Guisan. Zu beurteilen waren die Tragweise, die verwendeten Materialien, die Schlagbänder, die Eignung im Dienst, im Ausgang, beim Reiten oder Reisen usw. Sogar die Nahkampftauglichkeit (!) galt es zu prüfen. Zwar resultierte aus der Vernehmlassung ein klares Votum für die Einführung eines Dolches, doch meldeten sich auch kritische Stimmen. Hptm Fritz Wille, Kavallerist und Instruktionsoffizier der Leichten Truppen (später Korpskommandant), beklagte: „Man nimmt den Offizieren den Säbel mit seiner wertvollen Tradition weg…“ Und der Chef der 6. Division, der spätere Oberstkorpskommandat Herbert Constam, schrieb dem Oberbefehlshaber am 21. Januar 1943: "Ein Ersatz der symbolischen Waffe durch einen Dolch kann nach meinem Denken nicht in Frage kommen. Der Dolch ist Theaterrequisit und erinnert zu sehr an Schillers ‚Die Räuber‘. Ausserdem gehört eine kriegerische Gestalt dazu, eine Rüstung oder zum mindesten ein schwarzes oder braunes Hemd.“ Gemeint waren die nationalsozialistischen Organisationen SS, SA und NSKK, die dem Schweizerdolch des 16. Jahrhunderts sehr ähnliche Griffwaffen trugen. Diesen Bezug galt es denn auch tunlichst zu vermeiden und einen „modernisierten Schweizerdolch“ zu schaffen.
Am 1. Januar 1944 war es soweit. Die Langwaffen verschwanden im Zeughaus und allfälligem Fehlverhalten vorbeugend hiess es im Befehl Nr. 264 des Armeekommandos vom 25. Februar: „Zur Ehrenbezeugung wird der Dolch nicht gezogen.“

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat 12/1999

Herrgottsgrenadiere

HerrgottsgrenadiereDie wohl Mitte der 40er-Jahre entstandene Aufnahme zeigt einen Wachtmeister der Lötschentaler Herrgottsgrenadiere mit Prior Johann Siegen in Kippel (im Hintergrund Mannschaften). Die Herrgottsgrenadiere tradieren die Walliser Fremddienste, im Speziellen das 3. Schweizerregiment im Königreich beider Sizilien. Das Regiment war 1827/28 aus je einem Bataillon Walliser sowie Schwyzer und Bündner formiert worden und bestand bis zum Ende der kapitulierten Fremddienste im Jahre 1859. Kirchliche Soldatenaufzüge haben im „Reisläufer-Kanton“ Wallis Tradition; sie erinnern an die glanzvollen bourbonischen Militärparaden in Neapel und in Frankreich. Die Walliser stellen auch in der Päpstlichen Schweizergarde seit jeher ein Hauptkontingent. Die Herrgottsgrenadiere treten an Fronleichnam, am nachfolgenden „Segensonntag“ sowie am Kirchweihfest in Feriden, Kippel, Wiler und Blatten auf.
Die vier Grenadierkorps besitzen je etwa Zugstärke und stehen unter dem Kommando eines „Wachtmeisters“, der allerdings eine Offiziersmontur trägt; ähnlich gekleidet ist auch der Fähnrich. Die Uniform der Herrgottsgrenadiere besteht aus weissen Hosen und einem roten Waffenrock mit weissen Epauletten für die Mannschaften bzw. goldfarbenen für die Wachtmeister und Fähnriche. Sie entspricht weitgehend der letztgültigen Sommer-Gala der neapolitanischen Linieninfanterie Ferdinands II. (Regent 1830-1859). Am gekreuzten Bandelier werden Patronentaschen und „Briquet“ getragen.
Bei den Uniformen und Ausrüstungsgegenständen handelte es sich ursprünglich um Originalstücke, die durch Dienstentlassene in die Heimat gelangt waren. Später kamen Neuanfertigungen hinzu, oder man behalf sich mit ähnlich aussehenden Effekten. So sind die Mannschaften heute neben den im Stil der 1830er Jahre gefertigten Fellmützen auch mit Tschakos eidgenössischer Ordonnanz 1898 ausgerüstet. Letztere sind jedoch anstelle der Pompons mit weiss-roten Plumets versehen. Es ist anzunehmen, dass ehedem neapolitanische Grenadier-, Füsilier- und Jägertschakos im Gebrauch waren. Ein Sammelsurium bildeten früher auch die Schusswaffen, wobei die Palette vom „Steinschloss“ über das „Vetterli“ bis zum „Langgewehr“ reichte. Ein einheitliches Bild ergab sich erst mit der Übernahme der Schweizer Karabiner 11 und 31.

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat

Vom Gruss des Soldaten

Vom Gruss des SoldatenDie Abbildung zeigt einen Grenadier des französischen Schweizer Garderegiments um 1780 mit „gestrecktem Gewehr“. Das „Strecken“ der Waffe (auch der Stangenwaffe, zum Beispiel des Spontons) war eine Grussform, die hohen Persönlichkeiten wie dem Monarchen oder der Generalität entboten wurde. Im Gegensatz zu anderen bis in die Gegenwart praktizierten Ehrenbezeugungen, dem Salutieren mit der Hand, dem „Haltung annehmen“, der Blickwendung, dem Präsentieren des Gewehres oder dem Senken der Blankwaffe beziehungsweise des Feldzeichens, verlor sich das „Strecken“ infolge veränderter Bewaffnung schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Wie folgende Beispiele zeigen, verbirgt sich hinter den militärischen und zivilen Grussformen eine Menge Symbolik. So wurde mit dem Reichen der Hand ursprünglich angezeigt, dass keine Absicht bestand, eine Waffe zu ziehen. Ebenso friedliche Gesinnung demonstrierte man mit dem Senken des gezogenen Degens beziehungsweise des Säbels.
Das Präsentieren des Gewehrs wiederum geht auf das Vorzeigen zur Kontrolle des Ladezustandes zurück. Oder das „Lüften“ der Kopfbedeckung hatte seinen Ursprung im Abnehmen des Helms, womit sich einst der im Turnier unterlegene Ritter als geschlagen zu erkennen gab. Da sich die letztgenannte Ehrenbezeugung mit der Einführung unförmiger Grenadiermützen und Tschakos als zu umständlich erwies, wurde das Abnehmen der Kopfbedeckung schliesslich nur noch durch Anlegen der linken oder rechten Hand angedeutet.
Die militärische Ehrenbezeugungen waren, wie eingangs erwähnt, nach Stand und Rang der zu grüssenden Person exakt reglementiert. So entnehmen wir einem 1855 erstellten Soldbuch des Schweizerregiments von Sury Nr. 2 im Dienste des Königreichs beider Sizilien über den Gruss mit dem Gewehr: „Vor jedem Offizier bis und mit Hauptmann, ohne zu schultern vorbeimarschieren. Vor jedem Oberoffizier und General schultern und vorbeimarschieren. Vor jeder Königlichen Person schultern, Halt und Front, vor dem Hochwürden fallt aufs Knie.“ Die höchste Ehrerbietung kam im katholischen Neapel also dem Allerheiligsten Sakrament zu, der in den Leib Christi transubstantiierten Hostie, welche die Geistlichkeit bei kirchlichen Zeremonien in einer Monstranz mittrug.

Vincenz Oertle, Maur
Schweizer Soldat 9/1999

500 Jahre Schlacht bei Hard

Hard dürfte erstmals durch die am 20. Februar 1499 im so genannten Schwabenkrieg, dem Reichskrieg Maximilians des I. gegen die Eidgenossenschaft, geschlagene Schlacht über die Grenzen des Landes hinaus bekannt geworden sein.
An jenem kalten und nebligen Wintertag tobte in den Gefilden südwestlich des Ortes der Kampf zwischen der vom Kaiser aufgebotenen 10’000 Mann starken Streitmacht des schwäbischen Bundes und den in beträchtlicher Minderzahl angreifenden Eidgenossen.

Schweizer Angriffsweise
Das Schlachtfeld war in der "Kiese", im unteren "Reutele" und in "Böschen". Hier hatte das kaiserliche Heer seine Söldnertruppen zusammengezogen und Vorhuten nach Höchst und Lustenau gelegt. Auf diese stiess nun am Morgen des 20. Februar die Vorausabteilung des rechts des Rheintals abwärts marschierenden Schweizerheeres und warf sie auf Hard zurück.
Die Schwaben, davon überrascht, hatten sich eiligst am damals weiter südlich befindlichen Unterlauf der Lauterach in Schlachtordnung aufgestellt und ihre Geschütze in Stellung gebracht. Allein ihre Führung liess sich durch ungeschickte und zögerliche Taktik vom Gegner, dessen Hauptmacht gegen Mittag auf dem Schlachtfeld eingetroffen war, das Gesetz des Handelns aufzwingen. Die Schweizer brachen mit einem schlagartigen Sturmangriff in die vorderen Reihen der Schwaben ein, liessen die Geschütze ab, indem sie sich jedesmal beim Abfeuern niederwarfen und dann wieder weiter stürmten, und schlugen die ersten Schlachtreihen in heillose Flucht, wodurch das ganze übrige Heer in Verwirrung geriet.

Grosse Verluste der Schwaben
Versuche der schwäbischen Hauptleute, einen geordneten Rückzug zu organisieren, misslangen. Fussvolk und Reiter suchten in wilder Flucht den gefürchteten Streitäxten der Schweizer zu entkommen, wobei Hunderte im Sumpf eines breiten und tiefen Grabens stecken blieben und niedergestampft wurden. Drei mit Fliehenden überladene Schiffe gingen unter, etliche hundert Schwaben versteckten sich am "Rohr", wo viele in der folgenden Nacht erfroren. Tausende rannten flüchtend gegen Bregenz, bis vor dessen Mauern sie verfolgt wurden.
Die Sieger aber lagerten noch drei Tage auf dem Schlachtfeld und im Dorf, ehe sie es Beute beladen verliessen und brandschatzend weiter nach Dornbirn und den Bregenzerwald zogen.
Die vielen gefallenen und ertrunkenen schwäbischen Soldaten wurden in einem Massengrab bei der Harder Kapelle begraben. Kaiser Karl V. befahl 1521, diesen Kriegerfriedhof gemäss dem Willen seines Ahnherrn Maximilian einzuweihen und sonst niemanden mehr dort zu bestatten.

Schlacht bei Hard
Aus der Festbroschüre "500 Jahre Schlacht bei Hard" (red)

Invasion vom 6.6.1944

Der Alliierten-lnvasion vom 6. Juni 1944 in der Normandie, dem grössten Landeunternehmen der Geschichte, waren verschiedene Kommandoaktionen vorangegangen. Bekannt ist der spektakuläre britische Raid vom 28. März 1942 gegen den Hafen von Saint-Nazaire; ihm folgte am 19. August die Operation „Jubilee“.
Angriffsziel war diesmal ein etwa 20 Kilometer breiter Abschnitt der französischen Kanalküste, in dessen Zentrum die Hafenstadt Dieppe lag. Das Expeditionskorps umfasste über 6000 Mann: Infanterie und Panzertruppen der kanadischen 2.Division, britische Kommandoeinheiten sowie eine Handvoll US-Rangers und frei-französische Soldaten. Der räumlich und zeitlich begrenzten Aktion waren folgende Ziele gesteckt: Sammeln von Erfahrungen im Hinblick auf eine spätere Grosslandung, Erprobung von Fahrzeugen und Material, Erkundung deutscher Bunkeranlagen und gegen England gerichteter Invasionsvorbereitungen sowie das Einbringen von Gefangenen. Im Raum Dieppe lag die deutsche 302. Infanterie-Division. Der Grund, dass das ehrgeizige Erkundungsunternehmen fehlschlug, ist nicht nur in der angeblich mangelhaften Planung zu suchen. Seinen Anfang nahm das Fiasko, als der anrollende Flottenverband durch Zufall auf einen deutschen Geleitzug stiess. Das sich entwickelnde kurze Seegefecht setzte die Küstensicherung in Alarmbereitshaft, worauf die vor Tagesanbruch an Land gegangenen Vorauskommandos lediglich eine einzige gegnerische Artilleriestellung auszuschalten vermochten. In der Folge lief der Hauptangriff vor Dieppe bereits am Strand fest. Die Landungstruppen erlitten hohe Verluste; da und dort kam es zu Panik. Der britische Offizier und Militärhistoriker Douglas Botting schreibt: „Die nachfolgenden Soldaten waren von Angst und Schrecken wie gelähmt und mussten von Marineoffizieren mit vorgehaltener Pistole zum Anlandgehen gezwungen werden.“ (Die Invasion der Alliierten, Time Life 1981, S. 29). Am späten Nachmittag des 19. August 1942 waren sämtliche Invasionsversuche abgeschlagen. Über Dieppe hatten sich auch heftige Luftkämpfe abgespielt. Von den an Land gegangenen Einheiten konnten nur knapp 1500 Mann evakuiert werden. Deutscherseits beliefen sich die Verluste an Gefallenen und Verwundeten auf etwa 400 Mann.
Im Führerhauptquartier hatte der kanadisch-britische Vorstoss einige Aufregung verursacht.
Wie aus dem Kriegstagebuch des OKW hervor geht, soll Hitler, in der Meinung, es handle sich um die erste Welle einer Grosslandung, den Abzug der motorisierten Elite-lnfanterie-Division „Grossdeutschland“ von der Ostfront ins Auge gefasst haben.

Von Vincenz Oertle, Maur, Schweizer Soldat 3/1998

Grenadiere

Hauptaufgabe der Grenadiere war einst das Schleudern von Handgranaten. „Granate“ bzw. „Grenadier“ (italienisch „granatiere“) leitet sich daher von „granata“ ab, dem Granatapfel. Dieser aus dem Mittelmeerraum und dem Orient stammenden Frucht mit den vielen Kernen ähnelte nämlich die ursprüngliche Handgranate – eine metallene oder gläserne, mit Pulver gefüllte und mit einer Lunte versehene Hohlkugel.
Grenadiere, egal ob der Linie oder einer Garde zugehörig, galten stets als Elitesoldaten. So waren bei der Musterung zum „grenadier à pied“ der Kaisergarde Napoleon I. zwei bestandene Feldzüge ebenso Bedingung wie sechs mit Qualifikation zurückgelegte Dienstjahre bei der Infanterie. Es konnten aber auch ganze Einheiten, wenn sie sich ausgezeichnet hatten, zu Grenadieren erhoben werden. Handelte es sich dabei um Berittene, nannte man diese fortan „Grenadiere zu Pferd“. Beispielsweise war das königlich-preussische Grenadier-Regiment zu Pferd „Freiherr von Derftlinger“ (Neumärkisches) Nr. 3, errichtet 1704, ursprünglich ein ordinäres Dragoner-Regiment gewesen.
Typisches äusseres Merkmal der Grenadiere bildeten die unübersehbar hohen Kopfbedeckungen aus Stoff oder Bärenfell. Erstere waren aus einer Art Zipfelmütze entstanden, die gestärkt, hochgezogen und vorne mit einem Blechschild oder mit Metallgarnituren versehen wurden. Im Gegensatz zu den breitkrempigen Kopfbedeckungen, dem Schlapphut, dem Zwei- oder Dreispitz, waren diese Mützen beim Werfen der Handgranaten weniger hinderlich. Zudem verliehen sie den Trägern ein imposantes Aussehen, was beim Gegner wiederum nicht ohne psychologische Wirkung blieb. Die Grenadiermützen im Soldatenjargon auch „Hurratüten“ genannt, sind eine Kreation des 18. Jahrhunderts. Vereinzelte Traditionstruppenteile, so das in St. Petersburg stationierte Pawlowsche Leib-Garde-GrenadierRegiment, trugen diese noch zur Zeit des Ersten Weltkrieges. allerdings nur zur Parade.

GrenadiereDie Abbildung zeigt einen nach preussischem Muster uniformierten Zürcher Pörtler-Grenadier um 1750, benannt nach der „militärischen Gesellschaft der Pförtneren“, welcher sich mit der ausserdienstlichen Schulung der Miliz beschäftigte. Rechts ein ebenfalls zürcherischer Konstabler, d.h. ein Artillerist.

Vincenz Oertle, Maur, Schweizer Soldat 3/1998

Appenzeller Jägerkoporal

Appenzeller JägerkoporalDie Elitesoldaten eines Bataillons waren, der napoleonischen Tradition gemäss, die Grenadiere und die Voltigeure. Sie bildeten je eine eigene Kompanie welche bei der Aufstellung des Bataillons die Flanken schützten. Auf dem Weg von den kantonalen Truppen zur einheitlichen Armee der Eidgenossenschaft von 1852, wurden die Grenadiere und Voltigeure zu Jägern. Sie hatten nach wie vor besondere Auf- gaben – im Gefecht oblag ihnen die Sicherung des Bataillons und die Aufklärung. Man achtete bei der Aushebung für die Jäger auf herausragende körperliche Leistungsfähigkeit. Eine Rekrutenschule für Jäger dauerte 35 Tage, während ein Füsilier seine Ausbildung bereits nach 28 Tagen abgeschlossen hatte.

Insignien der Jäger
Unser Appenzeller Korporal lässt einige spezielle Insignien erkennen, welche man den Jägern beigab um sie von den Füsilieren abzuheben. Während letztere lediglich Schulterklappen an ihrem Waffenrock trugen, hat der Unteroffizier hier die Epauletten der 2. Jägerkompanie montiert. In Anlehnung an die leichte Infanterie Napoleons (die Voltigeure) sind sie in Rot und Grün gehalten. Die 1. Jägerkompanie trug, entsprechend ihrer Grenadiertradition, gänzlich rote Schulterstücke. Die Epauletten waren nicht nur Zierrat – mit ihren eingearbeiteten Metallverstärkungen dienten sie den exponierten Jägern als Schutz gegen Säbelhiebe der Kavallerie. Ferner sind auf dem Waffenrock die weiss-roten Ärmel- balken eines Korporals zu erkennen. Diese Art Rangabzeichen war auch ein Erbe aus den Tagen Napo- leons und hielt sich bis in die Zeit des ersten Weltkriegs in der Schweizer Armee. Ein anderes Erken- nungsmerkmal der 2. Kompanie ist der gelb-grüne Pompon auf dem Tschako.

Französische Einflüsse in der Uniform
Man nannte die 2. Kompanie auch "Jäger links" da ihr Standort im Bataillon an der linken Flanke war (analog dazu war die 1. Kompanie "Jäger rechts"). Unter der Blechganse ist die Kantonskokarde von Appenzell Innerrhoden zu sehen. Sie unterschied sich von der Kokarde Ausserrhodens dadurch dass der Schwarze Kreis im Zentrum kleiner und der weisse Ring darum grösser war. Dieser Jägerkorpo- ral gehört dem Halbbataillon 82 an. Ein weiteres Abzeichen der Jäger war der Säbel der Ordonnanz 1842/52, den man hier an einem speziellen Frosch gemeinsam mit der Bajonettscheide hängen sieht. Der Säbel galt als besondere Auszeichnung für Elitesoldaten der Infanterie. Das Tenü wird ergänzt durch die weiten Hosen im französischen Schnitt, und die in diesem Fall darunter getragenen Zwilch- gamaschen. Die gesamte Uniform der Ordonnanz 1861 war sichtlich durchdrungen von der schwei- zerischen Bewunderung der zeitgenössischen Armee Napoleons III. , wodurch auch unser Appenzeller Jäger den glorreichen französischen Soldaten von Solferino und Magenta sehr ähnlich sieht, abge- sehen von deren roten Hosen.

Ein spezielles Gewehr
Um den Jägern eine etwas präzisere Waffe als die grobe Infanteriemuskete in die Hand zu geben, wurde 1856 auf Anordnung des Bundesrates die Einführung eines eigens entwickelten Jägergewehres in die Wege geleitet. Dieses Modell verfügte über einen gezogenen Lauf im Kaliber 10.5 mm nach dem System Prélaz. Damit wurde eine Schussdistanz von 800 Schritt erreicht, wogegen Glattlaufmuske- ten 200 Schritt erbrachten. Auch diese besonders fortschrittliche Waffe trug dazu bei, den Esprit de Corps bei den Jägern zu heben. Unser Korporal lädt gerade sein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. Dieser Vorgang wollte gut gedrillt sein, denn die Hand manövrierte mit schnellen Stoss- bewegungen in gefährlicher Nähe der Bajonettspitze.

Weitere Appenzeller Infanteriebataillone mit Jägerkompanien um 1867
1. Auszug:
Bataillon 47 Appenzell AR
Bataillon 82 (Halbbtaillon) Appenzell AI
Bataillon 121 (Halbbataillon) AR

2. Landwehr:
Bataillon 30 Appenzell AR
Bataillon 69 (Halbbataillon) AI

3. Unabhängige Jägerkomapnien der Landwehr:
Kompanie 5 Appenzell AR
Kompanie 6 Appenzell AR

Roger Remnann, Rost und Grünspan

St. Galler Scharfschützen

St. Galler ScharfschützeIm Zeitalter der Linienregimenter galt der Scharfschütze bei vielen Feldherren im besten Falle als Sonderling und wurde nur misstrauisch geduldet. Es war in der Tat ungewöhnlich, dass sich ein Fusssoldat ausserhalb des geschlossenen Regimentsverbandes als Kämpfer betätigte. Damals erlaubte die Waffentechnik hohe Feuerkraft nur wenn möglichst viele Gewehrträger massiert auftraten und schossen. Im Gegensatz zum Zentrumsinfanteristen in seinem Regiment, bewegte sich der Scharfschütze relativ ungebunden im Gelände. Seine Waffe war der Stutzer (unsere Darstellung zeigt den Feldstutzer 1851, abgeändert 1867 auf das Hinterladersystem Milbank- Amsler), welcher als Präzisionsgewehr mit Stecherabzug der simplen Infanteriemuskete weit überlegen war.
Die Scharfschützen waren in Kompanien zusammengefasst. Unser Mann gehört der Scharfschützenkompanie 31 des Auszugs des Kantons St.Gallen an.

Spezialisierte Einzelkämpfer
Als spezialisierte Einzelkämpfer hatten die Scharfschützen bespielsweise die Aufgabe, von einer gut gewählten Stellung aus die Reihen der gegnerischen Offiziere zu lichten, um deren Truppen führungslos zu machen. Ebenso waren aber auch Fachsoldaten wie etwa Kanoniere oder Pontoniere potenzielle Ziele.
Während es Sonderbundskrieges 1847 waren Kanoniere beider Parteien immer wieder besonders durch das wohlgezielte Feuer unsichtbarer Scharfschützen gefährdet. Ihrer Aufgabe gemäss waren diese Eliteschützen gekleidet. Die dunkelgrüne Uniform und das geschwärzte Lederzeug waren Zugeständnisse an die Tarnung. Während Füsilierkompanien im Pulverdunst des Schlachtfeldes nach einer optisch klaren Freund-Feind-Erkennung streben mussten, sollte der Scharfschütze im Gelände möglichst nicht erkennbar sein. Schon bei den Truppen der Freiwilligen sanktgallischen Legion ab 1804 waren die Scharfschützen Grün-Schwarz gekleidet und ihr Lederzeug wurde entsprechend geschwärzt.
Der dargestellte Scharfschütze trägt die Uniform der Eidgenössischen Ordonnanz 1861. Die Melone mit dem Busch Hahnenfedern hiner der Kantonskokarde lässt italienische Wurzeln erkennen. Die grau-blauen Hosen haben mit ihrem weiten Schnitt eindeutig französische Paten. Der zweireihige Waffenrock hat den sehr beengenden und unbequemen Frack abgelöst. Als Seitenwaffen kann man das Weidmesser 1852 und das Federbajonett zum Stutzer erkennen. Über die Schulter wird die Weidtasche getragen, worin sich Munition, Schiessuntensilien und das Stutzerwerkzeug befinden. Wie der Füsilier, so trägt auch der Scharfschütze einen Tornisten, dessen Riemen aber ebenfalls geschwärzt sind.
Obschon er eines der populärsten Schützengewehre seiner Zeit ist (auch in Süddeutschland und Italien sehr beliebt), geht der umgerüstete Stutzer unseres Mannes seiner baldigen Ausmusterung entgegen. Am 21. März 1868 erliess das EMD die Verfügung, dass die Scharfschützen bis zur Einführung und Ausgabe des Repetierstutzers System Vetterli mit aus dem aus den USA importierten Peabody-Hinterladergewehr bewaffnet werden sollen.

Scharfschützenkompanien
Weitere St.Galler Scharfschützenkompanien um 1868:
Kompanie 37 (Auszug)
Kompanie 55 (Reserve)
Kompanie 19 (Landwehr)
Kompanie 20 (Landwehr)

Appenzell A.Rh.:
Kompanie 18 (Auszug)
Kompanie 20 (Auszug)
Kompanie 54 (Reserve)
Kompanie 17 (Landwehr)
Kompanie 18 (Landwehr)

Keine Scharfschützenkompanien aus Appenzell I.Rh.