Auf den Spuren der Söldner

Seit seiner Pensionierung hat der früherer Posthalter Vincenz Oertle noch mehr Zeit für seine Geschichtsforschungen. Sein Hauptthema sind die Schweizer in fremden Diensten. Dazu sammelt er alles, was dieses oft verdrängte Kapitel dokumentiert.

Vincenz Oertle in seiner Wohnung im zürcherischen Esslingen, in der er Hunderte Militariaobjekte gesammelt hatred Wer gelegentlich an den Wänden einer fremden Wohnung Säbel und Degen sieht, wird allein deshalb kaum ins Staunen kommen. Denn Waffensammler gibts landauf landab zuhauf. In Vincenz Oertles Heim im zürcherischen Esslingen hingegen bleibt der Blick rasch auf anderlei Militaria hängen. Der jetzt 63-jährige, vor drei Jahren pensionierte Posthalter – er amtete in Maur am Greifensee – hat nämlich Hunderte von Orden und Abzeichen, Dokumenten und Militärgrafiken, Tschakos (militärische Kopfbedeckungen) und Blankwaffen (Säbel und Degen) – und auch sonst ziemlich alles – gehortet, was seine Neugierde stillt. Und die gilt Schweizern, die in anderen Ländern Militärdienst geleistet haben. Seine Grossmutter mütterlicherseits hat nämlich einst Ahnenforschung betrieben, und so ist er bereits als Knabe mit der Tatsache konfrontiert worden, dass unter seinen Vorfahren gleich mehrere jenen vier Schweizer Regimentern gehört hatten, die bis 1828 – mit dem offiziellen Segen der Eidgenossenschaft – im Solde Hollands gestanden hatten. Auch mit Frankreich, Spanien, Neapel oder Österreich hatte die Eidgenossenschaft Verträge, die es ihren Bürgern erlaubten, in fremden Diensten zu stehen.

Söldner aus purer Not

Pickelhauben schützten um 1900 die päpstlichen Schweizergardisten Nun liegt ja wohl die Frage nahe, was denn um alles in der Welt jemanden dazu führen kann, das Kriegshandwerk zum Beruf zu machen, und das erst noch im Auftrag eines anderen Landes. Vincenz Oertle hat auf Grund der Biografien mehrerer Söldner immer wieder festgestellt: „Für viele von ihnen war das schlicht und einfach die einzige Möglichkeit, ein regelmässiges Einkommen zu erzielen.“ Und andere Nationen stellten noch so gerne Söldner ein. Denn Ausländer, die in ihrem Auftrag ihr Leben liessen, bereiteten innenpolitisch keinen Ärger – ganz im Gegensatz zu den eigenen Bürgern, deren Tod Kritik an den jeweiligen Feldzügen auslösten.
Vincenz Oertle beschäftigt sich mit dem Thema seit seiner Jugend. Und es wäre für ihn das Selbstverständlichste gewesen, seinerzeit Schweizergardist in Rom zu werden; als Protestant aber war ihm das nicht möglich. Dafür sorgten später seine beiden Söhne während jeweils zweier Jahre für die Sicherheit des Papstes. dieser Dienst ist übrigens inzwischen der einzige, den Schweizer legal leisten, „Reisläuferei“ ist nämlich seit dem 1.1.1928 strafbar (Militärstrafgesetz, Artikel 94). Aus dem Vatikan stammen denn auch gleich mehrere der Sammlerobjekte Oertles.

Nicht alle sind Abenteurer

Mögen es im 18. und 19. Jahrhundert ganz existenzielle Nöte gewesen sein, die vornehmlich Schweizer in fremde Kriegsdienste trieben, so hat Vincenz Oertle auch herausgefunden, dass im 20. Jahrhundert viele Schweizer bei der französischen Fremdenlegion anheuerten, weil sie hierzulande allerlei auf dem Kerbholz hatten: „Etwa 80 Prozent von ihnen sind zur Legion gegangen, weil sie zum Beispiel vorbestraft waren oder wegen einer Vaterschaftsklage flüchteten. Nur unter den restlichen 20 Prozent fanden sich Abenteurer.“ Und die Gründe, weshalb solche Menschen in ihrer Heimat gestrauchelt waren? Auch da hat Forscher Oertle Parallelen herausgefunden: „Viele kamen aus sehr schwierigen Verhältnissen, hatten kaum echte Chancen, ein anständiges Leben zu führen.“
Ein Tschakoschild, wie es Schweizer in neapolitanischen Diensten um 1830 trugen Wie etwa der Fremdenlegionär Walter Weder aus dem sanktgallischen Rheintal, ein uneheliches Kind, das von Heim zu Heim geschoben wurde, nichts Richtiges lernen konnte und schliesslich als Knecht sein trauriges Leben fristete – „bis es ihm aushängte.“ Er starb nach schwerer Verwundung in Indochina. Nach seinem Tod ehrte ihn die Legion mit der hochdotierten Médaille militaire. Nicht in einem Gefecht, sondern wegen Krankheit und Erschöpfung sind jedoch die allermeisten der nicht mehr heimgekehrten Söldner gestorben. „Ich betreibe keine Geschichtsklitterung und keine Schönfärberei. Ich zeige auch die Kehrseiten des Söldnertums“, unterstreicht Vincenz Oertle, der oft im Bundesarchiv in Bern anzutreffen ist, wo er in Akten nach Spuren von Schweizern in fremden Diensten sucht, wenn er nicht gerade ein Buch schreibt. Drei hat er bereits geschrieben und veröffentlicht. Eines über die Geschichte des Eisernen Kreuzes, jener Tapferkeitsauszeichnung der Deutschen, die alle Irrungen und Wirrungen der Geschichte überdauert hat und heute als Logo der Bundeswehr auf Flugzeugen und Panzern prangt. Oder eines über die Bewaffnung der Päpstlichen Schweizergarde. Oder eines über Schweizer Freiwillige auf deutscher Seite während des Zweiten Weltkrieges. Eben fertig geschrieben hat er sein viertes Buch. Es befasst sich mit den Schweizer Fremdenlegionären der 1950-er Jahre; in jener Zeit dienten permanent gegen 2000 Schweizer in der Legion.

Kriege verstehen, um sie zu verhindern

Auch wenn Vincenz Oertle seinerzeit als Feldweibel bei den Panzertruppen wirkte. Auch wenn er bisher 249 Waffenläufe absolvierte – und dafür noch immer dreimal in der Woche trainiert. Und auch wenn er wegen seines Hobbys den Anschein erwecken könnte, eine „Kriegsgurgel“ zu sein. Diese Vermutung weist er weit von sich: „Ich bin einfach militärhistorisch interessiert, pflege Traditionen und sammle entsprechende Objekte. Nur wer die Kriege und ihre Entstehung kennt, kann einen Beitrag zum Frieden leisten.“

Text und Bilder: Herbert Fischer, „Die Post“ Nr. 5/2005